helga depping            ausstellung 2019

Interview im Januar 2018



Was bewegt?


F: Dieses Jahr wird die Galerie am Rennsteig 7 Jahre alt. Wenn man die Bilder chronologisch bis heute studiert, fällt eine Entwicklung ins Auge: Von leuchtenden zu sanfteren Farben einerseits, anderseits auch immer minimalistischer, hin zu Formen und Linien. Welches Resümee möchtest Du für das Jahr 2017 ziehen?


H.D.: 2017 war ereignisreich. Zunächst entstand „Anwesenheit und Abwesenheit“, ein Bild, das mir viel bedeutet und das noch nicht abgeschlossen ist. Außerdem arbeitete ich an einem Triptychon in einer ersten Version. Und ich konnte - nach vier Jahren - die Anlage meines japanischen Gartens abschließen.


F: Im September hast Du dann die documenta 14 in Kassel besucht...


H.D.: Ja, da wurde es noch einmal sehr aufregend. Es war das erste Mal, dass ich dort war. Die besondere Atmosphäre, die Offenheit, die Vielfalt der Themen waren überall spürbar. Auch das „Parthenon of Books“ von Marha Minujín, diese riesige Skulptur mit den verbotenen Büchern, beeindruckte mich vor Ort sehr.


F: Gab es wichtige Begegnungen?


H.D.: Ja, eine gänzlich unerwartete (lacht). Als ich dachte, ich hätte alles gesehen und erlebt, am letzten Tag vor meiner Abreise, stieß ich in einem der Bücher-Container auf einen Bildband über die Malerin Agnes Martin. Ich hatte zuvor schon einige Werke dieser Künstlerin wahrgenommen, wusste aber nicht viel über sie. Von meinem allerletzten Reise-Bargeld kaufte ich also dieses Buch. Die „Begegnung“ mit Agnes Martin in Form eines Buches wurde das eigentliche Highlight meiner Reise, so etwas wie der tiefere Sinn.


F: Die kanadisch-US-amerikanische Künstlerin Agnes Martin (1912-2004) wird dem abstrakten Expressionismus, dem Minimalismus zugeordnet. Ich sehe viele Quadrate in ihrem Werk. Quadrate gab es auch immer schon in Deinen Bildern...


H.D.: Ja, Agnes Martin hat eine tiefe Verbindung zur Form des Quadrats. Das Quadrat ist für sie mystisch, ebenso wie für mich.


F: Was ist das Mystische am Quadrat?


H.D.: Seine Teilbarkeit, vor allem seine Teilbarkeit, würde ich sagen. Das Quadrat ist eine Form von einzigartiger Harmonie.


F: Auf der anderen Seite ist ein Quadrat ja auch sehr formgebend und dominant.


H.D.: Ja, doch es lässt sich teilen. Es scheint dazu einzuladen, es immer weiter zu teilen, bis in die Unsichtbarkeit hinein. Die Wissenschaft ist voll von diesen Teilungsversuchen und scheint es auch nicht müde zu werden.


F: Hier möchte ich auf das Bild „Bewegung“ zu sprechen kommen. Die Quadrate auf dieser Ikone sehen aus, als würden sie sich kaum länger halten können im Verbund der großen Form....


H.D.: Man könnte hier auch fragen: „Was bewegt?“...


F: Wenn ich das Bild betrachte, ist die Antwort da.


H.D.: Ja, die Antwort kommt aus der Stille des Erlebens. Die Antwort wird gewusst.


F: Das Bild hat zarte Farben. Hier sehe ich eine neue Entwicklung gegenüber früheren Werken, die doch sehr farbenfroh und manchmal fast poppig waren.


H.D.: Ja, meine Farbwahl ist zurückhaltender geworden. Ich erkenne in sanften Farben eine wohltuende Kraft, eine Botschaft der Stille. Die Bilder richten sich an die Stille in uns. Sanfte Farben können dies gut unterstützen.


F: Die Stille endet nicht, wenn es einen Ton gibt. Das Bild „Ton“ wirkt wie ein Schlüsselbild. Es wirkt noch minimalistischer als die bisherigen Ikonen.


H.D.: Ich wollte immer Ton malen. Ich fragte mich so oft: Wie kann ich Ton malen? Mit den bisherigen Mitteln schien das nicht möglich. Ich musste noch „einfacher“ werden.


F: Die Darstellungsweise erinnert mich entfernt daran, wie Klänge und Schall in der Tontechnik dargestellt werden. Als Wellen in einem Diagramm. Hier handelt es sich aber nicht um ein wirkliches Diagramm. Eher um ein inneres Bild davon...


H.D.: Jetzt hast Du das Bild gemacht.


F: Inwiefern habe ich das Bild gemacht?


H.D.: Agnes Martin beschrieb das einmal sehr treffend: „Maler können dem Betrachter nichts geben. Die Leute bekommen von dem Bild was sie brauchen. Wenn du Eingebung erfährst und Eingebung darstellst, so macht der Betrachter das Bild.“ Genauso ist es.


F: „Ton“ ist ein Bildtitel, der leicht zu verstehen ist. Es gibt andere Titel, die von Besuchern als unverständlich und nicht hilfreich empfunden wurden. Braucht es eine Vorbildung in spirituellen Begrifflichkeiten?


H.D.: Nein, das braucht es glücklicher Weise nicht. Die Bildtitel sind dazu da, eine Anregung zu geben. Manchmal sind sie auch ein Hinweis auf die Entstehungsgeschichte. Das Entscheidende kann dem Betrachter nicht genommen werden: sein eigenes Erleben, seine eigene Stille. Das, was ihn bewegt, wenn er das Bild betrachtet.