helga depping            ausstellung 2019

 

      Interview

 

„Die Mitte ist in Wahrheit überall.“


 

Nach „Tettauer Ikonen I" gibt es nun „Tettauer Ikonen II". Offenbar hat sich bei der ersten Ausstellung gezeigt, dass Ikonen auch heutzutage interessant sind. Hat das Mut gemacht? 

H. D.:  Oh ja. Letztes Jahr wussten die Besucher nicht, was sie erwartet. Ich glaube sie waren überrascht, dass sie etwas damit anfangen konnten. Es ist schön, wenn es Fragen gibt und man sprechen kann über die verschiedenen Sichtweisen. Das heißt nicht, dass man immer bekommt, was man erwartet, aber es kann sich etwas daraus entwickeln. 

Was haben diese modernen Ikonen mit den klassischen Ikonen gemeinsam?

H. D.: Über eine Ikone an der Wand kann man nicht so einfach hinwegsehen, ohne sich dessen sofort bewusst zu sein. Das hat etwas mit ihrer spirituellen Thematik zu tun. Das Spirituelle ist kraftvoll und zeitlos. Früher hätte ich so nicht malen können. 

Wann und wie änderte sich das?

H. D.: Es hat begonnen, seit ich wieder in Tettau lebe. Ganz konkret begann es mit dem Bild „Ich bin" (2010). Ich wollte den Anfang von allem malen. Dann zeigte sich, dass dieses Bild auch der Anfang einer neuen Richtung des Malens war, die sich wie von selbst entwickelte. Früher habe ich zur Entspannung gemalt. Jetzt kann es auch mal an die physischen Grenzen gehen, weil das, was gemalt wird, sich so  zwingend seinen Weg bahnt. Es lässt einen nicht los. 

Ist Tettau ein besonderer Ort?


H. D.: Für mich schon. Ich habe hier viel Anregung. Es ist ja auch Heimat. Die Gegend ist sehr kraftvoll. 

 

Auch dieses Mal gibt es ein Bild mit dem Titel „Koan". In der Zen-Tradition ist ein Koan eine für den Verstand unlösbare Frage des Meisters an seinen Schüler. Sie soll den Schüler zur Erleuchtung führen. Kann man ein Koan überhaupt malen?

 

H. D.: Ich male eine Sache, die mich beschäftigt, wie es einen Mönch beschäftigt, der eine Frage vom Meister bekommen hat. So gesehen ist es das Prinzip des Koan, übertragen auf die Malerei. Aber es bleibt jedem überlassen, was er darin sehen kann und will. 


Ist diese Ikone Ihre "Antwort"?

 

H. D.:  Es ist weniger ein Antworten, mehr ein Erleben. Das gilt auch für den Betrachter des Bildes. Ein Koan kann man nicht erklären. Man muss es selbst erleben. Dazu gehört auch, das festgelegte Denken zu überprüfen und vorgefasste Meinungen in Frage zu stellen.

 

Das Ikonenbild "Der Irrgarten" mit seinen dunklen, erdigen Farben hat etwas sehr Physisches. Auch hier werden Erwartungen auf die Probe gestellt...

 

H. D.:  Das berühmte Labyrinth von Chartres hatte mich sehr beeindruckt. Ich wollte das einmal selbst erleben. Man möchte zum Mittelpunkt des Labyrinths. Es gibt diese Vorgaben, wie man gehen muss, um in der Mitte anzukommen. Doch was ist, wenn ich endlich dort bin? Orange. Am Anfang ist auch Orange. Was soll ich also gesucht haben? Die Mitte ist in Wahrheit überall. 


Bei aller Ernsthaftigkeit scheint in diesen Ikonen auch immer wieder ein sehr feiner  Humor durch. Ist Heiterkeit etwas Spirituelles?

 

H. D.: Oh ja. Heiterkeit gehört unbedingt dazu. Manchmal muss ich selbst ganz laut lachen, wenn ich sehe, was ich gemalt habe.