helga depping            ausstellung 2019

                      

                


           

            Interview im August 2016




Tradition, Zeitgeist und Zeitlosigkeit


F.: „Mit dem Sehen kommt der Frieden“, so lautet der Titel der Ikonen-Ausstellung, die am 6. Februar 2017 in Kronach beginnt. Das klingt kühn… Privater und politischer Frieden in unserer heutigen Zeit sind ein rares Gut. Einfaches Sehen soll reichen? 

H.D.: Einfaches Sehen ist nicht zu verwechseln mit gewöhnlichem Sehen. Gewöhnliches Sehen kommt, wie das Wort bereits sagt, aus der Gewohnheit. Die Gewohnheit unseres Verstandes ist nicht lebendig. Wir müssen über sie hinausgehen, um wirklich zu sehen.


F.: Eine große Zahl an neuen Bildern ist  hinzugekommen. Der spirituelle Bezug ist geblieben. Die ikonische Form wurde ebenfalls nicht aufgegeben. Im Gegenteil, sie wird wie selbstverständlich mit Inhalten aus anderen spirituellen Traditionen verbunden. Man könnte  von einer Weiterentwicklung der ikonischen Form sprechen...

H.D.: Diese Weiterentwicklung habe ich nicht erfunden. Sie liegt auf der Hand, weil sie dem Zeitgeist entspricht. Die traditionellen Ikonen zeigen biblische Geschichten und Figuren. Sie bleiben noch auf das Christentum beschränkt. Bis zum 19. Jahrhundert war spirituelle Bildung und Philosophie nur den Eliten zugänglich. Das änderte sich mit Goethe, Schopenhauer und Hesse. Heute kann sich jeder informieren, über fernöstliche Lehren wie Advaita und Zen - oder über die christliche Mystik. Das verändert und beeinflusst automatisch auch die spirituelle Kunst.


F.: Solch müheloses Wechseln zwischen den spirituellen Traditionen könnte für unseriös gehalten werden. Zen-Ikonen einfach so neben christlichen Ikonen… „Darf“ man das?

H.D.: Unbedingt. Ich empfehle es sogar. Die fernöstlichen Lehren waren es, die mich dem Christentum gegenüber wieder aufgeschlossener gemacht haben. Vieles, was mir vorher nicht zugänglich war, wurde auf einmal lebendig und erfahrbar für mich. Mein Malen ist eine Erwiderung auf diese Einblicke. Schon während des Malens setzt man sich auseinander. Im  Sinne einer Vertiefung. Diese Vertiefung bringt Klarheit mit sich. Ich prüfe die Wirkung unvollendeter Bilder über Wochen, indem ich sie dort aufhänge, wo ich sie jederzeit gut sehen kann. Das ist ein stetes Hinterfragen…


F.: Dann gibt es ja auch noch diese provokanten Bildtitel, die ein intelligentes Spannungsfeld zu der Ikone aufbauen. Zum Beispiel heißt eine Ikone „Flecken auf der Leinwand“, während dort recht klar menschliche Figuren zu erkennen sind. Eine andere Ikone heißt „Nicht Zwei“, obwohl wir ausgerechnet hier genau „zwei“ Bild-Elemente vorfinden. Das erinnert an ein Vorgehen, das man aus der Zen-Tradition kennt: Der Zen-Schüler erhält ein Koan, eine Frage, die ihn an die Grenzen seines gewohnten Denkens führt und darüber hinaus...

H.D.: Ja, das ist der Punkt, an dem die Ikonen selbst zum Koan werden. Die Bildtitel unterstützen den Entdeckergeist. Konsumieren im gewohnten Sinne wird auf Dauer nicht reichen. Kunst sollte immer auch herausfordern, weiter zu gehen als man es aus dem bekannten Kontext gewohnt ist. 


Sonst können Zeitgeist und Zeitlosigkeit einander nicht berühren?

H.D.: (lacht) Ja, das ist schön gesagt.


F.: Was ist, wenn der Betrachter bei aller Bemühung nicht versteht, was diese Bilder sollen?

H.D.: Daran ist nichts falsch. Wir haben vorhin von Seriosität gesprochen. Ich sage, es ist unseriös, das Relevante in drei Sätzen abhandeln zu wollen. Man kommt nicht umhin, sich mit diesen Dingen ernsthaft und aufrichtig zu befassen. Man kann in eine Bibliothek gehen oder - was ich zum Beispiel gern tue - in einen guten Buchladen. Dann werden sich neue Türen öffnen. Einsichten in tiefere geistige Gesetze tun sich auf, und echtes Wissen wird freigelegt. Ich verstehe etwas nicht? Wunderbar. Dann beginne ich dort, wo ich mich befinde: Im Nicht-Verstehen. Auch und gerade dann kann ein Bild sehr intensiv erlebt werden.


F.: Dann gehört der Betrachter, egal in welchem Zustand er sich befindet, immer zum Bild dazu… der Betrachter ist das Betrachtete…

H.D.: Ja, diese Aussage kennt man aus der Lehre des Advaita. Das verwirklicht sich auch hier. Wer sieht? Nur das Noumenon kann sehen. Es gibt nichts und niemanden, der sehen könnte, ohne Noumenon zu sein. Wir sind die Erwiderung und das Erwiderte, und das geht immer weiter.