helga depping            ausstellung 2019

 

 

 

 

 

 

Interview

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

"Mit dem Sehen kommt der Frieden"

 

 

Die Ausstellung "Tettauer Ikonen" begann vor drei Jahren. Zunächst standen thematisch vor allem die Aspekte des Advaita und andere spirituelle Kontexte im Vordergrund. Nun gibt es auch Ikonen mit weltlichen und zwischenmenschlichen Themen. Kann man das als Entwicklung sehen?

H.D.:  Ja, man könnte es eine Entwicklung nennen, grenzüberschreitend zu anderen Themen. Wenn ich ein Bild male, dann beschäftigt es mich ganz. Dann wäre es unnatürlich, etwas auszuschließen. 

 

Das Bild "Krieg" zum Beispiel. Ein solches Thema kontemplativ zu betrachten, ist zunächst einmal ungewöhnlich...

H.D.: Unter Krieg verstehe ich nicht nur Bomben oder Greueltaten, wie sie täglich im Fernsehen zu sehen sind. Krieg ist ja auch zwischenmenschlich allgemein verbreitet. Etwas gefällt einem nicht, man will es ändern. Das wiederum gefällt dem anderen nicht, und schon ist Druck da, der Gegen-druck erzeugt, und wir haben Krieg. Das alles nur, weil unserem Wollen etwas entgegengesetzt wurde. 

 

Ändert sich etwas daran, wenn sich der Betrachter des Bildes dessen bewusst wird?

H.D.: Nur das reine, vorurteilslose Betrachten kann etwas daran ändern. Die Dinge sehen, wie sie sind. Mit der Erkenntnis geht Gelassenheit einher, die nötige Offenheit, sich selbst zu betrachten und neue, erwachsenere Formen der Auseinandersetzung zu wählen. 

 

Du betreibst seit einiger Zeit Karate. Dort geht es um sehr klares, bewusstes Kämpfen... und Krieg?

H.D.: Auch im Karate bedarf es der Bewusstheit über die Mechanismen des Krieges. Du musst dich ständig korrigieren, Vorurteile ablegen, überhaupt Urteile. Einfach sehen, was tue ich hier mit dem anderen? Letztlich ist es ein Antreten gegen sich selbst und die eigenen Schwächen. Mit dem Sehen, mit dem aufrichtigen Durchdringen der Situation, kommt der Frieden. 

 

Solches Sehen geht dann über Weltveränderungs-Parolen hinaus...?

H.D.: Das Spirituelle ist das Kreativste. Es ermöglicht die größtmögliche Offenheit für die Realität.

 

Für viele ist Spiritualität gleichzusetzen mit Religion. Sie lehnen Religion als unfrei und anachronistisch ab.

H.D.: Religion sollte lebendig bleiben. Vieles in den Religionen, das ur-sprünglich auf etwas Wahrem beruhte, ist zum Mechanismus geworden. Es wird nicht erlebt. Freiheit kann es nur im Erleben geben.

 

Was erlebst Du, wenn ein Bild entsteht?

H.D.: Die Anregung kann ganz banal sein. Ein Klang, eine Gedankenver-knüpfung. Das Entscheidende beginnt, wenn das Thema scheinbar gesetzt ist und ich merke: das genügt nicht, da ist noch mehr.

 

Die Tiefe fordert sich selbst ein?

H.D.: Ja. Manchmal muss ich ein Bild nach wochenlanger Arbeit komplett verwerfen und ganz neu herangehen, weil es nicht stimmig war. Ein Bild, besonders wenn es eine Ikone ist, versteckt nichts. Es ist ein unbestechliches Gegenüber.

 

Ein wiederkehrender Aspekt  ist das Filigrane der Schattierungen, das durchscheinend Farbige. Ebenen, die sich durchdringen. Ist das ein Aspekt des inneren Sehens?

H.D.: Das innere Sehen ist kraftvoll. Die Farben müssen leben. Meine Bilder werden immer sehr bunt (lacht). Transparenz ist nicht Schwäche oder einseitige Weiblichkeit. Das Thema ist das Sein, jenseits von männlich oder weiblich, jenseits der Polaritäten. 

 

Was die Farbigkeit betrifft, gibt es auch Ausnahmen. Das Bild „Auferstehung“ zum Beispiel ist weniger bunt als die anderen. Unter einer Auferstehung stellt man sich vielleicht einen Jesus vor, der auf der Grabkante sitzt. Hier sind es frische, fast kühle Farben, die mit einer  bedrohlichen Schwärze ringen...

H.D.: Es scheint bedrohlich. Aber wenn man erkennt und akzeptiert, wie es ist, ist es nicht mehr bedrohlich. Frühling, der die Nacht durchdringt. Erscheinen und Vergehen, sich stets erneuernd. So läuft es. So ist es gedacht.